Du willst Informatiker einstellen – auf einem leergefegten Markt. Jetzt hast du einige Bewerber. Aber wem gibst du den Zuschlag? Welchen Typus brauchst du, um dein Unternehmen voranzubringen? Und von wem solltest du besser Abstand nehmen, trotz der großen Personalknappheit? Der Artikel beschreibt, welche Informatiker für dich die besten Ergebnisse bringen. Eine sehr persönliche Einschätzung von Paula Brandt aus ihrer eigenen Erfahrung als Inhaberin einer IT-GmbH

Das Dilemma mit dem Wirtschaftsinformatiker

Der junge Bewerber, der vor mir sitzt, wirkt ratlos. Er ist 25. Wirtschaftsinformatiker, kurz vor Ende des Studiums. Er hat brilliante Jobaussichten. Das Angebot einer großen IT-Beratung liegt auf dem Tisch. Mit einem Kommiltonen hat er ein Startup im B2C-Bereich gegründet. Seit zwei Jahren jobbt er außerdem neben dem Studium bei einer großen Versicherung. Es läuft also top. Er ist genau der gesuchte Bewerber, um den sich die Arbeitgeber reißen. Du auch – oder doch nicht?

Denn der Bewerber sagt Dinge wie “Ich zögere das Ende von meinem Studium heraus, weil ich mich nicht entscheiden kann.” Er erklärt, was ihm wichtig ist: Eine gesunde Work-Life Balance. Nächstes Jahr will er Marathon laufen. Das Training dafür will er nicht drangeben. “Auf keinen Fall.” Sicherheit im Job ist ihm wichtig. Aber auch: gutes Geld verdienen. Und Abwechslung, ja, das will er. Dafür aber nicht ständig reisen müssen wie bei der Beratung. Ein Unternehmer ist er nicht – denkt er. Trotzdem macht er mit beim Startup. Vielleicht kommt ja was dabei raus.

In Summe: Er überlegt. Hält sich alle Türen offen. Und blockiert sich selber.

Welche Bewerber brauchst du in deiner Firma?

Frage dich ehrlich: Würdest du den Bewerber von oben einstellen?

Schließlich ist der 25jährige so etwas wie der Idealkandidat, ein “High-End Profil”, wie es alle suchen. Ein studierter Informatiker, noch dazu mit wirtschaftlichem Background. Einer, der sogar schon Erfahrung aus verschiedenen Bereichen mitbringt, von Old-Industry bis Startup.

Unbestritten: Er hat Potenzial. Aus ihm kann etwas werden. Er ist die Generation von Bewerbern unter 30, die fachlich gut ist. Aber: Die fachliche Qualifkation ist nicht alles – gerade heute. Mehr denn je ist nötig, dass deine Mitarbeiter auf ungewöhnliche Lösungen zu kommen. Komplexe Kundenprojekte brauchen den Blick über den Tellerrand. Brauchen die Bereitschaft, zum “Einfach mal machen.” Zum Ausprobieren. Zum Risiko eingehen, zum Fehler machen.

Der junge Wirtschaftsinformatiker hat nicht zu wenig Möglichkeiten – er hat eher zu viele. Und er hat noch unrealistische Vorstellungen vom Arbeitsmarkt, trotz praktischer Erfahrung aus dem Nebenjob. Einen Tod wird er sterben müssen. Also entweder viel Geld verdienen und dafür hart arbeiten. Oder aber einen ruhigeren Job haben und dafür Zeit für Hobbies. Es geht nicht alles, auch nicht in einem Bewerbermarkt.

Wenn du Unternehmer bist: An Profilen wie dem seinen scheidet sich die Spreu vom Weizen. Nämlich, ob du einen Mitarbeiter findest, mit dem du wirklich etwas reißt – oder einen Mitläufer.

Das sollten Informatiker können

Mehr denn je brauchen Firmen Informatiker, die gelernt haben, komplexe Probleme zu lösen. Grob gesagt gibt es dabei drei fachliche Kategorien: Einmal die High End-Informatiker: Das sind diejenigen, die in Bereichen wie Virtual Reality und Künstliche Intelligenz arbeiten. Gerne werden hier Bewerber mit Doktortitel genommen. Das ist die ganz rare Spezies, die, bei denen der Markt leergefegt ist. Arbeitgeber suchen diese Spezialisten auf Konferenzen und arbeiten frühzeitig mit Unis zusammen, um sie herauszufiltern.

Am anderen Ende der Jobleiter stehen Programmierer mit Standardskills, also z.B. die klassischen App Entwickler oder Interface Designer. Von denen gibt es eine wahre Schwemme auf dem Markt. Es sind Mitarbeiter, die oftmals lediglich gesagt bekommen – und wollen -, was zu implementieren ist.

Dazwischen liegt der Typus Informatiker, um den es hier geht – nämlich der, der querdenkt. Der, wenn er z.B. Entwickler ist, kreativ Lösungen für neuartige Probleme entwickelt. Der flexibel die jeweils beste Sprache für das aktuelle Problem anwendet und dabei nicht auf vorgefertigte Software-Bibliotheken zurückgreift – schlicht weil es die gar nicht gibt. Manche dieser Informatiker haben Potenzial für Management-Aufgaben. Andere fühlen sich ganz wohl im Hintergrund und ohne große Verantwortung, sind aber die verlässliche Eminenz im Hintergrund, die etwas wegstemmt. Und wenn es sein muss, dafür bis Mitternacht in der Firma bleibt.

Diesem Typus gemeinsam ist: Er löst komplexe Probleme kreativ. Mit Biss. Und mit Einsatz. Summa summarum: Diese Bewerber benötigen Arbeitgeber heute. Du auch? Ob unser 25Jähriger das leisten kann? Ich habe Zweifel.

Tipps für deine Bewerbersuche

Es gilt also: Achte also neben allen formalen Qualifikationen auch und vor allem auf die Persönlichkeit der Bewerber. Wieviel Biss haben die? Wie unternehmerisch denken sie? Egal ob du  sprunghaft wächst oder dich auf einem umkämpften Markt behauptest, du brauchst die besten Köpfe. Das sind oft nicht die mit dem geraden Lebenslauf. Sondern echte Typen. Und eben: Ja, das können auch Quereinsteiger sein. Nach wie vor. Deshalb: Es macht Sinn, wenn du deinen Suchscheinwerfer weiter als bisher schweifen lässt.

Und der Rat an den 25jährigen? Der kann nur lauten: “Trau dich. Mach Erfahrungen, soviele wie möglich.” Soviel kann er gar nicht falsch machen. Er soll mit einer Sache starten. Schauen ob die ihm gefällt, dann auch mal wechseln – und dabei herausfinden, was sein Ding ist. Fehler machen? Aber klar. Das bringt ihn weiter. Der Markt für Wirtschaftsinformatiker gibt das her. So hat er die Chance, zum Kandidaten mit Biss zu werden – und zu deinem Wunschkandidaten.

Du bist Arbeitgeber und willst attraktiv für die richtigen Bewerber werden?

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Hintergrund zum Artikel

  • Paula Brandt erinnert sich selber an ihren eigenen Jobeinstieg: Sie hatte sich beworben bei einem mittelständischen Hamburger Systemhaus. Der Chef saß damals vor ihr und schoß die entscheidende Frage ab. “Waren Sie schon mal im Internet?” Nein, war Paula nicht. Was heute unglaublich anmutet, war damals aber völlig normal. Und der Firmenchef hat Paula trotz dieser Antwort als Projektleiterin Internet eingestellt. Seine Begründung: “Ich brauche Typen wie Sie.”
  • Vor vor 20, 30 Jahren, zu Beginn der Informatik, herrschte Goldgräberstimmung. Große Firmen? Weltweite Tätigkeit? Na klar, alles war möglich. Es galt einmal hereinzukommen, dann aber etwas zu leisten. Paula Brandt ist 2007 bei Microsoft gestartet – acht Interviews vor der Einstellung waren damals Usus. Das erste Treffen von Paulas neuer Einheit bei Microsoft war auf Puerto Rico. Weitere exotische Einsatzgebiete wie Cancun, Aruba, Mallorca folgten.
  • Nach wie vor gilt: Wenn du willst, dass deine Beschäftigten auf wirklich ungewöhnliche Lösungen kommen, erfordert das Reibung. Paula Brandt erinnert sich selber noch sehr gut an einige Geisteswissenschaftler – Quereinsteiger -, die bei Microsoft Karriere gemacht hatten. Damals. Sie hatten sich auch getraut, Ranghöhere in Schranken zu verweisen – wenn es im Sinne der Sache war. Stelle dir elber die Frage: Wäre das bei  dir in der Firma ohne Folgen für die weitere Karriere deines Mitarbeiters möglich?